Traumata sind präsent. Wir bringen sie in unsere Beziehungen mit und sie werden in Beziehungsstörungen, Konflikten, Blockaden, Rückzügen spürbar. Einen Umgang damit beschreibt Thomas Waldhubel…

 

Unter dem Namen „Trauma in Gemeinschaft“ versammelten sich wohl 40 gemeinschaftsbewegte und -interessierte Menschen in einem Workshop bei dem GEN-Netzwerktreffen Am Windberg im Juni 2019. Im Oktober zuvor waren es rund 15 Menschen, die sich bei dem GEN Herbsttreffen in der Nature Community achtsam, offen, berührt-berührend dem Thema näherten. Damals war die ganze Spannweite im Raum von individueller Betroffenheit, nötigem Bewusstsein über Trauma, Heilchancen in Gemeinschaften, existentiellem, trauma-reaktivierendem Geschehen in Gemeinschaften (Zugehörigkeit, Anerkennung, Macht & Ohnmacht…), gemeinsamem und individuellem Umgang mit Trauma: Wahrnehmen, Erkennen – transparent machen – Selbstfürsorge, Begleitung, Therapie…

 

Ein solch intensiver, dichter, vertrauensvoller Raum gelang mit den 40 Menschen am Windberg nicht. In einer solch großen Gruppe signalisierte unsere unbewusste Wahrnehmung dem Hirnzentrum für „Flucht/Angriff“ zu viel Fremdheit, zu große Abstände für Blickkontakt, zu sehr Sprechen „über“…, kurz zu viel „Gefahr“. So teilten sich Ina Meyer-Stoll (ZEGG), Christine Köhler (Sulzbrunn) und Thomas Waldhubel (Schloss Tempelhof) bald nach einer inhaltlichen Einführung mit den Teilnehmern in drei kleinere Gruppen auf. Und sofort war für alle der Unterschied spürbar, eine vertrauensvolle Begegnung entlang der Interessen und Bedürfnisse der Teilnehmer konnte beginnen. Unser gemeinsames Fazit danach lautete: Erstaunlich breites Interesse und viel Bedarf, zu wenig Zeit für ein solch großes Thema!

 

Woher kommt ein solch großes Interesse unter gemeinschaftsbewegten Menschen? Gemeinschaften erkennen mehr und mehr an, dass Traumata immer präsent sind. Wir bringen sie mit und dann werden sie in Beziehungsstörungen, Konflikten, Blockaden, Rückzügen spürbar. Gerade weil Gemeinschaften ein solches dichtes Beziehungsfeld bieten, in dem wir lernen können, in Kontakt zu gehen und in Kontakt zu sein, stoßen wir auf unsere „blinden Flecken“. Gemeinschaft lässt kaum Chancen, dem auszuweichen und sich immer wieder in die gewohnten Muster zu retten. Zudem ist die Traumaforschung soweit in den Mainstream gedrungen, dass viele Menschen sich ermutigt fühlen, unter „Trauma“ von ihren Verletzungen zu sprechen. Dazu haben die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um sexuelle Gewalt gegenüber Kindern, Heranwachsenden und Frauen beigetragen wie auch das immer breitere Bewusstsein für posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) bei Soldaten aus Kriegseinsätzen und bei Folteropfern und Flüchtlingen. Anhaltende Traumatisierungen wie Gefangenschaft, familiäre Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung, rufen Folgen hervor, die als „komplexe PTBS“ einen Namen fanden. Trauma verweist immer auf Gewaltverhältnisse, für deren zerstörerische Wirkung wir offenbar auch aufgrund von zunehmender Empathiefähigkeit immer sensibler werden. Zunehmend mehr Menschen können sich von dem Schweigen befreien, das jahrhundertelang Gewalt als selbstverständliches Schicksal erscheinen ließ.

 

Mit wachsendem Traumabewusstsein erkennen wir auch unsere eigene, tiefe Konditionierung durch die Gewaltverhältnisse unserer Gesellschaft an. Wir lernen, uns besser in unseren Schwierigkeiten und Rückschlägen zu verstehen, uns selbst in unser lebendiges, kreatives, liebendes Potential hineinzubefreien. Wenn ein Trauma im Jetzt angetriggert wird, werden wir in Sekundenbruchteilen zurück in eine vergangene Situation existentieller Bedrohtheit katapultiert: Das Empfinden von grundlegendem Willkommensein im Leben verschwindet. Wir fühlen uns von unseren Bedürfnissen abgeschnitten, verraten und benutzt, gelähmt oder verängstigt, uns zu zeigen und auszudrücken. Oder fühlen uns in unserer Liebe zurückgewiesen, je nachdem, welches grundlegende Bedürfnis in unserer Kindheit derart negiert, unterdrückt, vernachlässigt oder missachtet wurde, so dass ein Entwicklungstrauma ausgelöst wurde. In der Folge retten wir uns aus dieser Bedrohtheit mit damals gelernten Überlebensstrukturen, wie z.B. „sich unsichtbar machen“, „nichts brauchen“, „selbstlos für andere da sein“, „sich unentbehrlich machen“, „stark, erfolgreich oder bedeutend sein“, „immer perfekt sein müssen“… Unsere Empathie- und Beziehungsfähigkeit bleibt auf der Strecke.

 

Für diese Wunden einen Heilungsweg zu suchen und zu gehen, liegt in der Verantwortung der Einzelnen. Die Gemeinschaft kann vielfältig heilsam wirken, wenn sie derartige „Erinnerungen“ aus der Vergangenheit wahrnehmen, verstehen und halten kann; wenn sie die Chance zu neuen vertrauensvollen Beziehungserfahrungen geben kann; wenn sie sich auf der kollektiven Ebene mit ineinandergreifenden Mustern wie Täter-Opfer-Dynamiken auseinandersetzt; wenn sie Praxen der Selbstfürsorge und der gemeinsamen Beruhigung des alarmierte Nervensystems erlernt und pflegt wie beispielsweise durch heilende Räume mit Entschleunigen, Berührung, Körper- und Gefühlsarbeit, Singen, Lachen… Am Tempelhof versuchen wir seit unseren Intensivtagen 2018 den Impuls zu einer „traumabewussten Gemeinschaft“ zwischen uns lebendig werden zu lassen und orientieren uns dabei an folgendem Leitfaden:

 

 

Eine „traumabewusste Gemeinschaft“ würde

 

– zunächst und vor allem versuchen, die verborgene Wirklichkeit unserer Traumata anzuerkennen und sie mit Mitgefühl umarmend anzunehmen. Mauern aus Scham, Angst, Hilflosigkeit können sich  so auflösen – und sich gemeinsam vor kollektiver Beschämung und Demütigung schützen;

 

– Wissen zusammentragen und sich kundig machen über: Schocktrauma, Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), Entwicklungstrauma, Mini- oder Mikrotraumata, komplexe Trauma, Unterschiede zu Verletzungen, Trigger, Retraumatisierung, Reenactment/Reinszenierung, traumabasierte Erkrankungen, Traumatherapien und Heilungswege;

 

– Klarheit anstreben in der Frage der Verantwortung: Welche Verantwortung liegt beim Einzelnen, welche Verantwortung bei der Gemeinschaft, was sind jeweils die Bedingungen, diese Verantwortung auch wahrnehmen zu können. Dabei respektiert und achtet die Gemeinschaft die Freiheit des individuellen Entwicklungsweges und spiegelt gleichwohl agierendes, reinszenierendes Verhalten aus Nicht-Verbundenheit (Feedback-Kultur);

 

– die individuelle Ebene überschreiten und kollektive Traumata, inter- bzw. transgenerationelle Übertragung bzw. „sekundäre Traumatisierung“ oder „Schattentrauma“, die Traumata der eigenen Kultur, ihrer traumatisierenden Rituale und Institutionen, der Allgegenwart von Gewalt sowie den traumaverursachten „kulturellen Käfig“ der Normalität bewusst machen. Sie würde entlang den Themen des Gemeinschaftslebens Heilungswege erkunden und erproben;

 

– eine vertiefte und erweiterte Achtsamkeit entwickeln, die zu einer erhöhten Bereitschaft verhilft, innezuhalten und zu merken, wenn ich mein Gegenüber in irgendeiner Weise zum Objekt, zum „Es“ (Martin Buber) mache oder wenn ich auftauchenden Schmerz durch Ärger, Wut, Kontaktabbruch bewältige, statt ihm Raum zu geben: Annehmen statt Loswerden. Diese Achtsamkeit darf aus dem individuell meditativen Raum heraustreten und praktisch werden an allen Stellen unseres Zusammenlebens. Sie ist dann eine Präsenz, die den gegenwärtigen Moment annehmen kann, statt agieren zu müssen, und dies insbesondere am Arbeitsplatz und in der Zusammenarbeit. Sie darf sich auch auf das eigene Tun und Lassen, auf das eigene Denken und Sprechen und seine Wirkungen erstrecken – „Arbeit als Übungsweg“ könnte durch diese Achtsamkeit eine neue Entschiedenheit gewinnen;

 

– in der Verbindung mit einem Höheren (Spiritualität) das entscheidende Moment für Heilung anerkennen. Wenn Anne Wilson Schaef Sucht als spirituelle Erkrankung beschreibt, dann können Traumata als Grund dieser verzweifelt sehnsuchtsvollen Suche im Außen erkannt werden. Und am Grunde dieser Traumata kann die „Ur-Wunde als dem Verlust der kosmischen Einheit“ (Gertrude R. Croissier) wahrgenommen werden, wie sie durch Geburt und trennender Individuation geschieht;

 

– in all diesen Fragen eine reflektierende, forschende Haltung einnehmen, sich gewiss sein, dass sie an vielen Stellen Neuland betritt und gut beraten ist, sich mit externen „Kundigen“ und „Pionieren“ zu verbinden und von/mit ihnen zu lernen.